TAT-SÄCHLICH WIDERSTÄNDIG — SUBVERSIONEN
“Ist die beste Subversion nicht die, Codes zu entstellen, statt sie zu zerstören?” Bereits in den 1970er Jahren des vergangenen Jahrhunderts greift Roland Barthes dem Widerspruch voraus, in dem sich das politisch interessierte und engagierte Individuum heute unweigerlich befindet: Nämlich in einem System, in und mit dessen Regelwerk “von innen heraus” gehandelt werden muss, um Widerstand gegen Globalisierung, Neoliberalismus und die Prekarisierung des Alltags zu leisten.

Barthes’ nicht zu unrecht häufig zitierte, aktuelle Frage wird auch in der Publikation “SUBversionen – Zum Verhältnis von Politik und Ästhetik in der Gegenwart ” gestellt, um jenen Stilmitteln nachzugehen, die heute genauso zum Repertoire von Produktwerbung und Marketing zählen wie zur Sprache eines ästhetischen und künstlerisch geprägten Aktivismus. Negation und Affirmation, Passivität und Aktivität, Konsens und Radikalität sind der feine Grat und das Spannungsfeld, aus dem heraus widerständige künstlerische Praktiken auf ihre Wirksamkeit untersucht werden.
Der Sammelband, der sich aus den Vorträgen einer Tagung im Künstlerhaus Edenkoben speist, geht der Frage nach, inwiefern sich der Begriff der Subversion und die künstlerischen Konzepte, die im 20. Jahrhundert damit operierten, heute noch dazu eigenen die Schnittstellen zwischen Kunst und Politik zu beschreiben und wie sich künstlerische Konzepte in diesem Zusammenhang aktuell erneuern. Themen wie die globalisierungskritischen mexikanischen Zapatistas, elektronische Formen des Aktivismus durch Neue Medien, künstlerische Strategien der Geschlechtersubversion und postkoloniale Handlungsfelder der Entkanonisierung werden in insgesamt sechzehn Beiträgen ausdifferenziert und von den AutorInnen an unterschiedlichen Kunstsparten wie Literatur, Theater, Bildende Kunst, Fotografie sowie Film und Fernsehen festgemacht.
Von seinen (etymologischen) Wurzeln her aufgerollt, entstammt der Begriff der Subversion dem symbolischen Feld des Ackerbaus, wo er die “Umkehrung der Scholle zur Bedeckung des ausgebrachten Samens” bedeutete. Historisch betrachtet ist das Konzept der Subversion also ein produktives Verfahren, das, in den aktuellen Kontext transferiert und allgemein betrachtet, als Aktivität eines Schwächeren gegenüber einem Stärkeren bezeichnet wird. Diese Aktivität ist geprägt “von einem definierbaren politischen Raum, einer bestimmten Herrschaftspraxis, von stabilen Routinen und einem dominanten Kollektiv”. Abgesehen vom politischen Aktivismus im praktischen Sinn, beschreibt “SUBversionen” widerständiges Handeln, bei dem es sich neben Prozessen auf formaler, also immanent-ästhetischer Ebene, auch um institutionskritische Reflexion als Gegenstand der Kunstäußerung handeln kann. Als Ausgangspunkt hierfür dienen die ersten avantgardistischen Strömungen des beginnenden 20. Jahrhunderts und ihr Bestreben, die Isolation zwischen Kunst und Leben durch die Verschachtelung der beiden Diskurse aufzuheben.
Anhand von Taktiken wie etwa Sinnzersetzung, Übertreibung, Umkehrung und Hybridisierung geht das Buch also der Frage nach, ob die Subversion heute an ihrer ursprünglichen Bestimmung festhalten kann und argumentiert vor allem gegen zeitgenössische Formen des “Lifestyle-Aktivismus”: Dieser oberflächliche Zustand täusche genau dann über “tat-sächliches widerständiges Handeln” hinweg, wenn “eine politische Einstellung selbst als Zeichen von Individualität zur Schau getragen wird” und – getreu den strukturellen Prinzipien der Ökonomie – “bestenfalls wirkungslos, schlimmstenfalls jedoch affirmativ” ist. In der westlichen Gesellschaft werde dem Einzelnen durch keinerlei institutionelle Vorgaben der Alltag bestimmt oder ein Lebenslauf vorgeschrieben. Im Gegenteil, das Individuum sei dazu aufgerufen, diese “Normalität” eigenständig zu produzieren, was sich auf künstlerischer Ebene in einer Umdeutung und Re-Codierung “von innen heraus” äußert. – Oder in anderen Worten: in der Subversion der Subversion.
Thomas Ernst, Patricia Gozalbez Cantó, Sebastian Richter, Nadja Sennewald, Julia Tieke (Hg.): SUBversionen. Zum Verhältnis von Politik und Ästhetik in der Gegenwart. transcript Verlag, Bielefeld, 406 Seiten, ISBN: 978-3-89942-677-9
veröffentlicht in Kunstforum International
Februar 2009